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Was ist eigentlich Fanfiction & wie ist sie entstanden?

Von: Gast
01.02.2017

Mittelalter oder Internetforum? Fanfiction ist so alt und aktuell wie die Geschichten damals und heute

Ein Artikel von Gastautor Michael Wahl.

Wenn die Geschichte der eigenen Lieblingsfigur einen Fan richtig gepackt hat, dann ist Ungeduld noch harmlos formuliert bis endlich die Fortsetzung erscheint. Das ist heute und war früher so. Da die Zunge der alten Geschichtenerzähler wie die Feder der Geschichtenschreiber und heutigen Autoren niemals so schnell sein wird wie die sehnsüchtige Ungeduld der Fans, gibt und gab es schon immer Fans, die selbst weitererzählt haben. Heute lesen Milliarden von Fans eine unendliche Fülle von Fanfiction zu ihren Lieblingscharakteren – damals lauschten die Menschen in den alten Zeiten den Mythen der Götter oder den düsteren und romantischen Liedern des Mittelalters. Dabei hat sich einiges verändert, wobei die Geschichten damals wie heute überraschend ähnlich sind.

Spätestens seit E.L. James 50 Shades of Grey im Netz als Fanfiction zu “Twilight” veröffentlichte und damit so erfolgreich war, dass aus den Gedanken eines Fans ein weltweitberühmter Buch- und Kinoerfolg wurde, ist Fan Fiction in aller Munde.

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Fanfiction sind von Fans geschriebene Geschichten oder Gedichte.
Dabei wird eine existierende Geschichte eines Buches, eines Films, einer Serie oder auch die Lebensgeschichte echter Stars wie Schauspieler oder Pop-Musiker von einem Fan weitererzählt, ausgeschmückt oder auch umgeschrieben. Zu den beliebtesten Stories gehören Fanfictions aus dem magischen Hogwarts-Universum, wobei nicht immer Harry Potter selbst die Hauptfigur der Geschichten sein muss. Der aktuelle Shootingstar am Fanfiction Himmel ist Anna Todd, die mit Ihrem Fanfiction-Roman After nicht nur ihre Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt begeistert hat. Die durch Harry Styles von One Direction inspirierten Romantic-Stories über Hardin und Tessa begeistern so viele Menschen, dass After demnächst auch in den Kinos laufen soll.

Die ersten Fanfictions kannten keine Schrift

Wenn man sich überlegt, dass lange bevor es Computer oder gar überhaupt die Schrift in ihrer heutigen Form gab, schon Fangeschichten unterschiedlicher Erzähler die Runde machten, kommt sofort die Frage auf, wie sich diese Geschichten damals verbreitet haben sollen? Dennoch sind Fanversionen von bekannten Geschichten so alt wie diese Geschichten selbst. Überall wo Menschen zusammen lebten, gab es auch Mythen über die Natur und deren Geister und Götter, die von Generation zu Generation weitererzählt wurden. Natürlich wurden die Geschichten der Götter je nach Region anders erzählt, denn jedes Volk hatte seine eigenen kleinen Götter, die den Menschen im Alltag halfen. Dabei erzählten zum Beispiel die alten ägyptischen Völker, die am Meer lebten, von anderen Wesen als die Bewohner der Berge. So entstanden über die Zeit hinweg bunte Beziehungen zwischen vielen kleinen Göttern und damit ein Netz von Geschichten oder wie man heute sagen würde: Fanfiction.

Wichtig war aber immer, dass sich die Geschichten der kleinen Götter immer auf die mythische Welt der großen Götter wie beispielsweise Osiris bezogen. Man kann also sagen, dass sich die erste Form der Fanfiction schon in der Antike quasi automatisch entwickelt hatte – ganz einfach, weil Menschen Geschichten aus ihrer Sicht lieben und brauchen.

Intrigen im griechischen Drama und Liebesgesang im Mittelalter

Die Mythen über die Titanen und Götter bei den alten Griechen sind ein nächster Schritt in Richtung heutiger Fanfiction. Denn was sich zwischen Zeus und den Göttern des Olymp abspielt, ist Romance, Drama und Adventure pur. Kein menschliches oder viel mehr göttliches Drama, was es hier nicht gibt, keine Intrige, die nicht erzählt wurde und eine solche Anzahl von Helden – da ist schwer vorstellbar, dass hier nur Homer am Werk war. Viel eher dürften auch hier die damaligen Fans Legenden erdichtet haben.

Später im Mittelalter gab es sehr viele Dichtungen zu fast jedem Ort. Die Menschen erzählten sich Dinge über den naheliegenden dunklen Wald oder das nebelige Moor. Viele dieser Legenden haben bis heute überlebt: Wer kennt nicht etwa eine Geschichte oder ein Märchen über den Gipfel in der Nähe oder eine Legende zu einem Schloss, das heute ein beliebtes Ausflugsziel ist?

Außerdem gab es Im Mittelalter immer mehr Hofdichter, die von edlen Rittern und holden Hofdamen sangen. Hofdichter zogen von Burg zu Burg und es entstand der Minnesang (Liebesgesang) der Ritter an die Dame des Herzens, der sehnsüchtiger kaum sein könnte, da der Ritter seine Dame nur aus der Ferne lieben durfte. Es waren vor allem die Herren die hier die Fanfiction niederschrieben oder die Minne sangen, aber dies konnten sie nur, da die Damen zu Hofe die Kunst förderten. So entstanden die ersten Literaturzirkel und Lesungen und damit auch das, was man heute als Fandom (Fangemeinde) bezeichnet.

Schrift und Internet als Booster für die Fanfiction von heute

Nachdem sich das Buch und besonders das Lesen und Schreiben in der breiten Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer weiter verbreitet hatte, nahm die Anzahl von Fanfiction stark zu. Und: Immer mehr Fans konnten nun selbst das eigene Werk niederschreiben. Die Bücher von Jane Austen und besonders die Sherlock Holmes Romane von Arthur Conan Doyle führten in den  1930er Jahren dazu, dass Fans gemeinsam begannen, weitere Abenteuer des Detektivs zu schreiben. Danach eroberte die Fanfiction die amerikanische Science-Fiction Szene und war fester Bestandteil der Star-Trek Fanzines ab den Seventies. Durch das Internet und seine Möglichkeiten verbreitete sich die Fanfiction ab dem Ende der Neunziger Jahre immer mehr. War Fanfiction bis dahin hauptsächlich per Post und Fanzines eher noch einem kleineren Kreis bekannt, so lesen, schreiben und veröffentlichen heute Fans in Archiven und Foren auf der ganzen Welt ihre Fangeschichten. Einzelne Foren haben eine sehr gut geordnete Sammlung von über einer Million Geschichten zu den unterschiedlichsten Genres, Serien und Charakteren.

Den Extra-Content selbst gestalten und erleben – das ist nicht nur Frauensache

Auch, wenn die meisten Autorinnen und Leserinnen von Fanfiction vor allem Mädchen und junge Frauen sind, so ist der selbst geschriebene Extra-Content nicht nur Frauensache. Die rasant wachsende Zahl der Fangeschichten und die überwiegend weibliche Fangemeinde sind zwar neue und junge Entwicklungen, aber die wichtigen Themen der Fanfiction sind dieselben wie in den alten Zeiten: Es geht um zwischenmenschliche Beziehungen (heute Pairing genannt), Dramen und Romance, genauso aber um Fantasie und Abenteuer. Denn Harry Potter, Star-Trek und seit neustem die Fanfiction zu der TV-Serie Sherlock sind Dauerbrenner, so dass auch Jungs und Männer in der Fanfictionwelt nach wie vor zu Hause sind.

Und diese Welt der Fanfiction begeistert immer mehr Menschen rund um die Welt: Egal ob Mann oder Frau, heute oder damals, die geliebte Geschichte in eigenen Worten weiter zu erzählen und damit ein aktiver Teil in dieser zu sein und den Mythos selbst zu erleben, fasziniert nach wie vor. Fanfiction war und ist Extra-Content zu Geschichten, die man als Leser schon toll findet und als aktiver Erzähler noch intensiver erleben kann.

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