Feminismus: Wut tut gut

Aline Apfelbaum | 08.07.21

Wütende Frauen haben die Welt zu einem besseren Ort gemacht. Warum immer mehr Frauen ihren Zorn nicht mehr unterdrücken, sondern als Zündstoff für die Zukunft begreifen.

Zusammengekniffene Augen, gerunzelte Stirn, geballte Fäuste – es war ein Bild, das um die Welt ging. Ein wütendes Mädchen, das vor der versammelten Weltöffentlichkeit die mächtigsten Staats- und Regierungschefs zusammenstaucht: „Wie könnt ihr es wagen! Wir werden euch das nie vergeben!“ 

Ich will, dass ihr in Panik geratet!: Meine Reden zum Klimaschutz
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Hörbuch

Ich will, dass ihr in Panik geratet!: Meine Reden zum Klimaschutz

Geschrieben von:Greta Thunberg
Gesprochen von:Birte Schnöink, Pascal Houdus
Spieldauer:1:18
Typ:Ungekürztes Hörbuch

Mit ihrem emotionalen Auftritt brach die Klimaaktivistin Greta Thunberg ein ungeschriebenes Gesetz, das da lautet: Frauen werden nicht laut. Frauen werden nicht wütend. Frauen weinen, resignieren, schämen sich. Aber schimpfen, zetern, anprangern? Prompt wurde die damals 16-Jährige in den sozialen Netzwerken angegriffen. „Öko-Pippi“ und „Klimahysterikerin“ waren noch die harmlosesten Schmähungen. 

Self-Silencing: Wie Frauen ihre Wut unterdrücken

„Wir lernen schon als Mädchen, dass Wut unweiblich, unattraktiv und egoistisch ist“, stellt die US-Aktivistin Soraya Chemaly in ihrem klugen Debatten-Buch Rage Becomes Her – The Power of Women’s Anger heraus. Minutiös arbeitet sie darin heraus, warum Frauen ihren Zorn unterdrücken – selbst, wenn sie unbestreitbar allen Grund dazu haben, stinksauer zu sein. 

Rage Becomes Her: The Power of Women's Anger
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Hörbuch

Rage Becomes Her: The Power of Women's Anger

Geschrieben von:Soraya Chemaly
Gesprochen von:Soraya Chemaly
Spieldauer:11:03
Typ:Ungekürztes Hörbuch

Einer Frau, die wütend wird, droht Statusverlust. Auch deswegen kennt man von Angela Merkel keine Gefühlsregungen, die über ein Stirnrunzeln hinausgehen würden. Hillary Clinton rang sich im Fernsehduell mit Donald Trump selbst dann noch ein kühles Lächeln ab, als er ihr mit dem Zeigefinger fuchtelnd empfahl, sie solle „sich schämen“. 

Was auf politischem Parkett eine sinnvolle Strategie sein mag, ist im Privaten selbstzerstörerisch. „Self-Silencing“ nennen Psychologen dieses erlernte Verhalten, mit dem Frauen Konflikte vermeiden. Um des lieben Friedens willen unterdrücken und verleugnen sie ihre negativen Gefühle. Nicht wenige Frauen kehren ihre Wut letztlich gegen sich selbst und werden depressiv. 

Self-Silencing geht sogar so weit, dass viele Frauen gar nicht mehr wissen, was da eigentlich in ihnen gärt und brodelt. Über diese Blindheit den eigenen Gefühlen gegenüber hat die Emotionswissenschaftlerin Dr. Carlotta Welding ein faszinierendes Buch geschrieben. Doch diese Brave-Mädchen-Taktik nützt nur jenen, die den Status quo bewahren wollen. Darüber hinaus zahlen Frauen einen hohen individuellen Preis für die Unterdrückung ihrer Emotionen: Studien legen nahe, dass Self-Silencing das Risiko für einen Schlaganfall erhöht.  

Fühlen lernen: Warum wir so oft unsere Emotionen nicht verstehen und wie wir das ändern können
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Hörbuch

Fühlen lernen: Warum wir so oft unsere Emotionen nicht verstehen und wie wir das ändern können

Geschrieben von:Dr. Carlotta Welding
Gesprochen von:Cordula Senfft
Spieldauer:6:51
Typ:Ungekürztes Hörbuch

Nun, Self-Silencing scheint ohnehin langsam ausgedient zu haben. Nachdem es in den Neunziger und Nullerjahren zwischenzeitlich so aussah, als sei die kollektive weibliche Wut verraucht, ist sie seit Anfang der Zehnerjahre präsenter denn je. Bevor die Corona-Pandemie der öffentlich geäußerten Wut vorübergehend den Saft abdrehte, sah man sie plötzlich überall: Frauen, die stinkwütend waren und das in aller Öffentlichkeit lautstark kundtaten. 

 Das Jahrzehnt der wütenden Frauen

2011 demonstrierten Frauen weltweit auf sogenannten "Slutwalks" gegen sexualisierte Gewalt und "Victim blaming" – also die perfide Unterstellung, eine Frau in knapper Kleidung trüge eine Mitschuld, wenn sie belästigt oder vergewaltigt wird. 2012 stürmten Aktivistinnen von "Pussy Riot" die Christ-Erlöser-Kirche in Moskau, um gegen Kirche, Patriarchat und Putin zu protestieren. Bekleidet mit rosafarbenen "Pussyhats" zogen Frauen 2017 beim "Women’s march" durch die Straßen und skandierten "Not my president!" Besonders heftig rebellierten indische Frauen 2012 und Ende 2019. Zu Tausenden zogen sie durch die Straßen und forderten besseren Schutz vor Misshandlung und Missbrauch. 

Difficult Women: A History of Feminism in 11 Fights
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Hörbuch

Difficult Women: A History of Feminism in 11 Fights

Geschrieben von:Helen Lewis
Gesprochen von:Helen Lewis
Spieldauer:9:41
Typ:Ungekürztes Hörbuch

Auch im Netz bricht sich die weibliche Wut Bahn. Eine Raute und fünf Buchstaben – #MeToo – rollen seit 2017 wie eine Lawine durch die sozialen Netzwerke. Losgetreten wurde die Bewegung durch die Schauspielerin Alyssa Milano, die dazu aufforderte, das von der Aktivistin Tarana Burke erfundene Kürzel zu nutzen, um das ganze Ausmaß sexueller Übergriffe auf Frauen sichtbar zu machen. Aktuell walzt diese Lawine durch die Deutschrap-Szene. 

Unter dem Hashtag #Coronaeltern machten im Lockdown vor allem Frauen ihrem Ärger darüber Luft, dass sie auf einmal Job, Homeschooling und Kinderbetreuung gleichzeitig wuppen sollten. Als gäbe es nicht auch ohne Pandemie schon genügend Gründe für Frauen, die Nerven zu verlieren. (Gender Pay Gap. Gender Care Gap. Mansplaining. You name it.) 

Die Wut-Life-Balance: Nur nicht die Nerven verlieren
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Hörbuch

Die Wut-Life-Balance: Nur nicht die Nerven verlieren

Geschrieben von:Anna B. Caesar
Gesprochen von:Felicitas Woll, Tyron Ricketts, Sesede Terziyan, Lena Urzendowsky
Spieldauer:10:10
Typ:Ungekürztes Hörbuch

Haben all diese wütenden Frauen etwas bewirkt? Mit Sicherheit. Der ehemalige Filmproduzent Harvey Weinstein sitzt im Gefängnis – er wurde zu einer 23-jährigen Haftstrafe verurteilt. Es ist ein Urteil mit enormer Signalkraft, das die ganze Branche wachgerüttelt hat. Weitere Prominente, die ihre Machtposition ausgenutzt hatten, mussten ihre Posten räumen oder wurden angeklagt. In Schweden und Deutschland wurde das Sexualstrafrecht reformiert. 

Greta Thunberg trat mit ihrem wöchentlichen Sitzstreik im Alleingang die Bewegung „Fridays for Future“ los, die schließlich dafür sorgte, dass die meisten Parteien ihre Wahlprogramme eilig um Punkte zum Klimaschutz ergänzten. „Keine Revolution ohne Wut“ war auf den Plakaten der demonstrierenden Teenager zu lesen. Und die deutschen Corona-Mütter erreichten, dass in vielen Bundesländern Konzepte entwickelt wurden, damit die Schulen trotz steigender Inzidenz offen bleiben konnten.

Wütende Frauen, die Geschichte schrieben

Damit reihen sich diese teils berühmten, teils unbekannten Frauen ein in einen imaginären Protestzug, der die Welt zum Besseren verändert hat. Wobei auch Frauen bei der Wahl der Mittel nicht immer so friedlich blieben, wie es ihrem Geschlecht dem Klischee nach gebührt.

Um die Jahrhundertwende herum erstritten Frauen weltweit das Frauenwahlrecht – nach einem jahrzehntelangen Kampf, der weitestgehend mit friedlichen Mitteln geführt wurde. Allerdings nicht nur:  Die Suffragetten der britischen „Women Social and Political Union“ radikalisierten sich um das Jahr 1903 herum. Unter dem Motto „Taten statt Worte“ ketteten sie sich an Zäunen fest, warfen Schaufenster ein, sprengten Briefkästen in die Luft oder zündeten leerstehende Gebäude an.

The Rebellious Life of Mrs. Rosa Parks
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Hörbuch

The Rebellious Life of Mrs. Rosa Parks

Geschrieben von:Jeanne Theoharis
Gesprochen von:Judith West
Spieldauer:15:23
Typ:Ungekürztes Hörbuch

Rosa Parks hatte es 1955 einfach satt, dass sie als Schwarze ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen räumen sollte: Sie blieb sitzen. Doch trotz ihrer stummen Weigerung, die schließlich die schwarze Bürgerrechtsbewegung auslöste, war Parks keine leise Frau – im Gegenteil. Schon als Zehnjährige soll sie sich gegen den Angriff eines weißen Jungen gewehrt haben, in dem sie ihn mit einem Ziegelstein bedrohte. Bis ins hohe Alter hinein setze Parks sich couragiert gegen Ausgrenzung und Rassismus ein.

Natürlich ist nicht jede wütende Frau automatisch eine bewundernswerte Kämpferin für Gleichheit und Gerechtigkeit. Es gibt auch unter den wütenden Frauen Beispiele, die verstören. So wie die radikale Feministin Valerie Solanas, die in den späten 1960er Jahren ein Pamphlet gegen das Patriarchat verfasste, in dem kein einziges versöhnliches Wort mehr fällt. Sie plädierte dafür, dass Männer „unauffällig, schnell und schmerzlos vergast“ werden sollten: 

"Das Leben in dieser Gesellschaft ist ein einziger Stumpfsinn, kein Aspekt der Gesellschaft vermag die Frau zu interessieren, daher bleibt den aufgeklärten, verantwortungsbewussten und abenteuerlustigen Frauen nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten."

Valerie Solanas

Kurz darauf schoss sie auf Andy Warhol, der das Attentat nur dank einer schnellen Operation überlebte. 

Doch in der Summe kann man festhalten: Wenn die Welt sich zum Besseren verändern soll, dann braucht es die weibliche Wut. Das ist auch das Fazit der Feministin Rebecca Traister. In ihrem Buch Good and Mad. How Women's Anger Is Reshaping America schildert sie die Geschichte der weiblichen Wut als Treibstoff für den Kampf um politische Teilhabe.

Dabei legt sie ihr Augenmerk darauf, wie weibliche Wut bis heute systematisch karikiert und delegitimiert wird, um Frauen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Um so mehr, wenn es sich um schwarze Frauen handelt. Wie diesen das Klischee der „angry black woman“ übergestülpt wird, um berechtigten Protest ins Lächerliche zu ziehen, schildert die schwarze Feministin Brittney Cooper mit scharfzüngigem Witz in ihrem Buch Eloquent Rage. A Black Feminist Discovers Her Superpower.

Good and Mad: How Women's Anger Is Reshaping America
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Hörbuch

Good and Mad: How Women's Anger Is Reshaping America

Geschrieben von:Rebecca Traister
Gesprochen von:Rebecca Traister
Spieldauer:9:56
Typ:Ungekürztes Hörbuch
Eloquent Rage: A Black Feminist Discovers Her Superpower
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Hörbuch

Eloquent Rage: A Black Feminist Discovers Her Superpower

Geschrieben von:Brittney Cooper
Gesprochen von:Brittney Cooper
Spieldauer:6:57
Typ:Ungekürztes Hörbuch

Ob eine Frau mit ihrer Wut wahr- und ernstgenommen wird, hängt von ihrem gesellschaftlichen Status ab, bemerkt auch die Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp im Audible Original Podcast Die Wut in mir: „Wütende Menschen mit Macht machen Angst. Wütende Menschen ohne Macht sind lächerlich“. Wobei viele machtlose, wütende Menschen sich gemeinsam durchaus Gehör verschaffen können, wie die aktuellen und historischen Beispiele zeigen. 

Die Wut in mir: Der Mini-Podcast zu Wut-Life-Balance
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Hörbuch

Die Wut in mir: Der Mini-Podcast zu Wut-Life-Balance

Geschrieben von:Teresa Sickert
Gesprochen von:Teresa Sickert
Spieldauer:0:49

Im Podcast denkt Antje Schrupp darüber nach, wie einzelne Frauen ihre Wut zur Sprache bringen können, ohne auf Geschrei oder Gewalt zurückgreifen zu müssen. Vorbildlich findet sie die Reaktion von Ursula von der Leyen. Die entschied sich nach dem „Sofagate“-Vorfall beim EU-Türkei-Treffen im April dazu, die Sache nicht wegzulächeln, sondern den Affront mit klaren Worten als solchen zu benennen. Vielleicht schrieb von der Leyen ja an diesem Tag den Anfang eines neuen Kapitels in der Geschichte weiblicher Wut. Möglich wäre es. 

Sachbücher
Black Literature: Schwarzen Stimmen zuhören

Black Lives Matter. Blackout Tuesday. “I can’t breathe.” Die Ereignisse diesen und letzten Jahres haben einen dringend nötigen Fokus auf systemischen Rassismus und die Bedeutung des Schwarzseins in unserer heutigen Gesellschaft gesetzt. Von Gleichberechtigung noch weit entfernt, immer noch von Rassismus und weißem Privileg geprägt, ist es auch - und gerade! - nach dem Abflauen der Proteste weiterhin wichtig, Schwarze Stimmen hervorzuheben und ihnen zuzuhören. Nicht nur während eines weiteres Prozesses gegen Polizeigewalt. Nicht nur während des Black History Months.