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Wilde Leser: Interview auf der Frankfurter Buchmesse

13.10.2010

Zur Buchmesse haben wir ein sehr spannendes Blogprojekt speziell über den chilenischen Autoren Bolaño entdeckt. Der Blog Wilde Leser beschäftigt sich mit dem Werk des Autoren und auch mit lateinamerikanischer Literatur in seiner ganzen Fülle. Verschiedene private Blogger tauschen sich hier über das Werk Bolaños aus, gestalten gemeinsame Leserunden und führen Interviews mit lateinamerikanischen Autoren.

Wir fanden die Idee so spannend, dass wir die Chance der Buchmesse zu einem Treffen mit dem Initiator des Projekts, Marvin Kleinemeier, genutzt haben. Marvin hat sich netterweise unseren Fragen gestellt und uns ein wenig mehr über das Projekt und die Idee dahinter verraten. Marvin ist freier Journalist und Übersetzer, bei einem Paderborner Unternehmen für Ausbildungsprojekte zuständig, 27 Jahre alt und betreut seit August vergangenen Jahres das Internetprojekt Wilde-Leser.de, das sich mit Werk und Wirkung des chilenischen Autors Roberto Bolaño befasst.

Hörbücher-Blog: Was uns natürlich interessiert, wieso ein Projekt speziell über Bolaño? Und wie hat alles angefangen, war Wilde Leser als privates Projekt geplant, oder von Anfang an schon ein wenig in Hinblick auf die Buchmesse ausgerichtet?

Wilde Leser: Es gab im letzen Jahr in Amerika ein ähnliches Projekt zum Buch von David Foster Wallace „Unendlicher Spaß“. Unter www.infintesummer.org haben sich ca. 4 Journalisten zusammen getan, die einmal die Woche über das Buch gebloggt haben. Gemeinsam haben Sie das Buch nach einem festgelegten Leseplan gelesen und dann über Ihre Erfahrungen und Meinungen in dem Blogprojekt geschrieben. Auch auf Twitter gab es dazu einen Hashtag, der sich sehr schnell, sehr weit verbreitet hat und das Projekt bei anderen Lesern und Blogs bekannt gemacht hat. Ich habe selbst auch bei dem Projekt infintesummer.org mitgemacht, und daher bereits nach den ersten 50-60 Seiten des neuen Buches 2666 von Bolaño die Idee, dass sich auch dieses Buch super zu einem ähnlichen Projekt hier in Deutschland eignen würde. Bolaño ist ein Autor, der sehr viele Rätsel auslegt und viel mit Intertextualität arbeitet und sich daher zum gemeinsamen Lesen und Erfahrungsaustausch eignet.

Hörbücher-Blog: Hast Du die Seite dann auch selbst programmiert?

Wilde Leser: Nachdem ich beim Verlag angefragt hatte, ob es in Ordnung wäre ein gemeinsames Leseprojekt zu Bolaño zu starten und auch freundlicherweise das OK und auch Leseexemplare erhalten hatte, habe ich zuerst mal die Domain www.zwei666.de gesichert und die Seite dann nah am amerikanischen Vorbild entworfen. Auch das Marketing zu dem Projekt habe ich selbst übernommen und dazu viele Literaturseiten und Blogs angeschrieben, die dann über Twitter auf das Projekt aufmerksam gemacht haben. Ich habe einen Leseplan aufgestellt und ein Lesezeichen zum Download gestaltet und schon nach 2-3 Tagen waren schon fast die ersten 2000 Leute auf der Seite. Gestartet ist das Projekt also sehr erfolgreich, so dass der Verlag wieder auf mich zukam und mir noch mehr Unterstützung angeboten hat. Dadurch entstand auch der Kontakt zum Bolaño-Übersetzer Christian Hansen, der inzwischen als Kolumnist bei uns im Projekt schreibt. Da wir alle private Blogger sind, erhält das Projekt durch Christian und seinen Blick ins Übersetzer-Nähkästchen einen etwas offizielleren Touch.

Hörbücher-Blog: Wie viele Blogger schreiben denn bei Wilde Leser? Und macht Ihr das alles in Eurer Freizeit?

Wilde Leser: Ganz ausschlaggebend für den Erfolg war, dass von Anfang an die richtigen Leute dabei waren. Es gibt einen Kern von ca. 5 Bloggern, die super interessiert und fleißig zu den verschiedenen Themen schreiben. Und dieser Kern besteht auch heute noch so wie in der Anfangsphase. Zu Hochzeiten schreiben bis zu zehn Blogger zu den verschiedenen Projekten, je nach dem, was gerade ansteht und wie das Interesse dazu aussieht. Inzwischen haben wir auch den österreichischen Schriftsteller und Übersetzer Leopold Federmair bei Wilde Leser an Bord, der hin und wieder Essays für uns schreibt und uns exklusive Inhalte liefert. Am wichtigsten für mich ist aber der Kern dieser Blogger, der mir auf der Contentseite für das Projekt stark den Rücken freihält. Ich selbst kann mich inzwischen hauptsächlich um den redaktionellen Teil kümmern, kann die Kontakte zu Verlagen und Autoren knüpfen und mich um neue spannende Interviewtermine kümmern. Trotz des Erfolges des Projekts machen wir das alles aber immer noch auf privater Basis und meistens abends nach der Arbeit. Nach 17 Uhr kann ich mich dann noch ein paar Stunden vors Internet setzen und meiner Literaturliebe frönen.

Hörbücher-Blog: Klingt ja nach viel Leidenschaft für das Thema Literatur, wenn Ihr das alle noch so nebenbei macht. Dafür ist das Projekt ja ziemlich groß geworden.

Wilde Leser: Ja, ein wenig hängt das ganze aber auch mit meinem Wohnort zusammen. Wenn ich in Paderborn nach Bolaño-Fans suchen wollte, dann müsste ich mich wahrscheinlich drei Wochen lang mit einem Schild auf den Marktplatz stellen. Daher liegt es eigentlich nahe, die Interessengemeinschaft im Internet zu suchen. Alle, die wir für das Projekt schreiben, kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken Deutschlands und hätten uns sonst wahrscheinlich nie kennengelernt. Inzwischen haben wir uns aber auch schon mal persönlich getroffen und wollen als nächstes Projekt die Bolaño-Gesellschaft gründen. Aber auch da wissen wir noch nicht, ob wir es noch dieses Jahr schaffen, denn dazu müssen alle sieben Gründungsmitglieder an einem Ort versammelt werden. Leider geht die Gründung noch nicht online.

Hörbücher-Blog: Du hast für das Projekt speziell das Medium Blog gewählt. Auch schon in Hinblick auf mögliche Interaktion nach außen? Ich hab mal geschaut ganz so viele Kommentare bekommt Ihr ja nicht immer zu den Artikeln?

Wilde Leser: Das mit den Kommentaren ist so eine Sache. Ich bekomme sehr viele Mails von Leuten, die unsere Seite toll finden und auch die Besucherzahlen auf dem Blog sind sehr gut. Wir haben schon bis zu 1000 Besucher am Tag auf dem Blog, vor allem wenn es neue Leserunden oder jetzt vor der Buchmesse Interviews mit argentinischen Autoren gibt. Die Rückmeldung ist also eigentlich sehr hoch. Allerdings scheint die Hemmschwelle bei uns Kommentare zu hinterlassen doch eher größer zu sein. Viele haben ja vielleicht auch das Buch, in dem es in dem Post geht, nicht gelesen und daher ein wenig Scheu sich an der Diskussion zu beteiligen. Die Kommentare, die dann bei uns kommen sind immer sehr versiert und detailliert, daher trauen sich viele vielleicht einfach nicht „nur“ zu schreiben, dass es ihnen gefällt. Geändert hat sich das ein wenig seit Wilde Leser auch auf Facebook ist. Dort wird schon schneller mal „Gefällt mir“ geklickt, und die Rückmeldung hat sich seitdem verändert.

Hörbücher-Blog: Ihr hattet im Sommer mal ein Twitter-Projekt zu „Stimmen“ von Antonio Porchia angekündigt. Der Artikel dazu und auch die Ankündigung klangen super spannend. Das eigentliche Projekt, bei dem es jeden Tag einen Satz aus dem Werk bei Twitter geben sollte, habe ich dann allerdings ein wenig gesucht. War das eine Idee, die nicht so gut gelaufen ist?

Wilde Leser: Eigentlich sollten es 30 Tweets zu „Stimmen“ sein, also einen Monat lang jeden Tag eine. Allerdings sind es dann nur etwa 15 Tweets geworden. Es war zu dem Zeitpunkt auch einfach eine Zeitfrage. Wir hatten den argentinischen Monat, bei dem es fast jeden Tag Content gab, mit 25 Rezensionen und auch noch sechs Interviews. Das ist dann einfach über mir zusammengebrochen und das Twitter-Projekt leider ein wenig zu kurz gekommen. Die redaktionellen Zusammenhänge haben zu der Zeit schon fast Magazin-Ausmaße angenommen und ich bin mit dem Redigieren, Organisieren und Hochladen einfach nicht nach gekommen. Ein wenig schade war es schon um die „Stimmen“, aber ich habe inzwischen noch ein paar weitere in den Blog hochgeladen. An sich war das aber eine ganz tolle Zusammenarbeit mit dem Edition Delta Verlag und dem Übersetzer Tobias Burghardt.

Hörbücher-Blog: Ihr habt ja, wahrscheinlich auch im Zuge der Buchmesse, sehr viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Ihr wart in der Bild am Sonntag Printausgabe und auch die TAZ hat über euch berichtet. Habt ihr im Vorfeld des Projekts damit gerechnet?

Wilde Leser: Nein, überhaupt nicht. Was das letzte Jahr passiert ist, ist einfach unglaublich. Ich war ja auch schon vorher immer viel im Netz unterwegs und habe in anderen privaten Blogs unter anderem Namen geschrieben. Aber für Wilde Leser musste ich ja dann auch mich als Person öffentlich machen und mit meinem Namen für das Projekt stehen. Ich hätte nie gedacht, dass es so gut laufen wird, und das Projekt so erfolgreich wird. Ich habe super viele tolle Leute im Verlagswesen kennengelernt und Kontakte zu Menschen mit den gleichen Interessen geknüpft, dass ich es fast selbst noch nicht glauben kann. Von außen wird mir oft gesagt wie erfolgreich Wilde Leser läuft, aber mir selbst ist das oft noch gar nicht so bewusst. Aber es freut mich natürlich, wenn man so viel positive Rückmeldung für sein Interesse und seine Arbeit bekommt.

Hörbücher-Blog: Habt Ihr denn den Argentinien-Schwerpunkt schon in Hinblick auf die Buchmesse gewählt, oder war das schon länger geplant?

Wilde Leser: Wir hatten im März unser Wilde Leser Treffen, wo wir uns alle mal persönlich kennengelernt haben, und haben uns dort überlegt, wo es mit der Seite und dem Projekt hingehen soll. Da schon ein paar der Rezensenten argentinische Literatur besprochen hatten, haben wir, schon mit Blick auf die Buchmesse, überlegt wie wir das Thema ausweiten können und daher diesen Schwerpunkt Monat geplant. Es ging aber auch hauptsächlich darum, wieder mehr Leser auf die Seite zu bringen, um sie für Bolaño zu begeistern.

Hörbücher-Blog: Wir haben ein wenig verfolgt wie Du Dich auf Twitter über Bücher ausgetauscht. Da kam uns die Frage, ob es nicht schwierig ist, ein Buch in 140 Zeichen zu besprechen und dabei auch seine subjektive Meinung zu transportieren?

Wilde Leser: Ich muss sagen, dass ich anfänglich auch sehr skeptisch gegenüber dem Medium Twitter war. Eigentlich bin ich nämlich ein eher analoger Typ und sammle Bleistifte und Schreibhefte, daher dachte ich das Twitter mit seinen 140 Zeichen nichts für mich wäre. Dann habe ich aber gesehen, dass fast alle Literaturseiten und Blogs auch einen Twitteraccount haben und habe mich mal heran getraut. Wenn man sich damit beschäftigt, stellt man schnell fest, wie man Twitter auch gezielt einsetzen kann. Ich komme mit vielen neuen Menschen in Kontakt, bekomme viele neue Informationen und Hinweise. Vieles wird in der Kommunikation auch erleichtert und ich muss sagen, dass ich inzwischen ein Fan des Mediums bin. Eine wirklich ausführliche Diskussion über ein Buch kann man aber auf Twitter nicht führen, aber man kann eine Diskussion lenken, viele Hinweise geben und vor allem auf weiterführende Informationen verweisen.

Hörbücher-Blog: Wir haben so ein wenig mitbekommen, dass Du gar kein Spanisch kannst. Ist ja eigentlich lustig, bei Deiner lateinamerikanischen Literaturbegeisterung. Ist Spanisch lernen vielleicht ein Projekt für die Zukunft?

Wilde Leser: Ja, ist ein wenig seltsam, aber ich spreche tatsächlich kein Spanisch. Ich lese alles immer nur in der Übersetzung, aber trotzdem fast nur lateinamerikanische Literatur. Deutsche Literatur langweilt mich zur Zeit sehr und ich kann dazu auch keinen Bezug aufbauen. Bei lateinamerikanischen Büchern ist das anders, und ich kann mit den Übersetzungen auch sehr gut leben. Übersetzer wie Timo Berger und Christian Hansen machen wirklich eigene Werke aus den übersetzten Texten, erfinden die Autoren dabei neu und geben den Büchern so auch noch etwas dazu. Im Moment lerne ich gerade Spanisch, aber bis ich Bolaño im Original lesen kann, wird es wohl noch etwas dauern.

Wir haben uns sehr über das Gespräch mit Marvin Kleinemeier zu seinem Blogprojekt Wilde Leser gefreut, und möchten uns noch mal herzlich dafür bedanken. Wir wünschen ihm ganz viel Erfolg bei seinem nächsten Projekt Aoma.de