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Eine Liebe wie aus Tausendundeiner Nacht

22.04.2016

Nacht für Nacht führt Chalid, der Kalif von Chorasan, eine Braut vor den Altar – und mit der Dämmerung jedes neuen Morgens lässt er sie hinrichten. Nichts, weder der Hass seines Volkes noch das Flehen der Todgeweihten, bringt ihn dazu, sein herzloses Spiel zu beenden. Bis er die Falsche zur Frau nimmt.

Die Braut des Kalifen

Zorn und Morgenröte von Reneé Ahdieh
Nachdem der Kalif ihre beste Freundin zuerst geheiratet und dann umgebracht hat, meldet sich die schöne Sharzad freiwillig, seine Braut zu werden. Nicht, weil sie nicht mehr leben will, sondern weil sich ihr Herz nach Rache sehnt; weil sie das Leben des Kalifen mit eigenen Händen beenden will.

Doch ihr Plan steht auf wackeligen Beinen und Shazi weiß, dass sie vor allem eins braucht: Zeit. So greift sie in ihrer Hochzeitsnacht zu einer List. Sie bezaubert Chalid mit einer märchenhaften Erzählung, die sie an der spannendsten Stelle unterbricht, als der Morgen graut. Tatsächlich lässt der Kalif sie am Leben. Sharzad beginnt, ihren verhassten Ehemann Nacht für Nacht zu umgarnen. Ihr Plan geht auf.

Womit sie jedoch nicht gerechnet hat: dass sie selbst Chalid verfällt. Denn der Mann, der sich ihr zeigt, wenn sie allein sind, scheint gar nichts mit dem grausamen Kalifen von Chorasan gemein zu haben, der unzählige Frauen zum Tod verurteilt hat. Während Sharzad verzweifelt darum bemüht ist, ihren Racheschwur nicht zu vergessen, entdeckt sie, dass Chalid ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt. Gibt es etwas, dass ihn zu seinen grausamen Taten zwingt? Etwas, das Größer und Furchtbarer ist als der Kalif selbst?

Scheherazade als Vorbild

Mit Zorn und Morgenröte entführt Renée Ahdieh ihr Publikum in die Welt aus Tausendundeine Nacht. Die Handlung ihres Romans ist vom Märchen der Geschichtenerzählerin Scheherazade inspiriert, die ihrem mordlüsternen Gatten Nacht für Nacht Märchen erzählt, um ihre eigene Hinrichtung aufzuschieben.

Ein Mädchen, das sich in einen Mörder verliebt? Ist das der Stoff, aus dem Märchen sind?

Ist das eine Geschichte mit einer Moral, die wir heute wirklich hören wollen? Ahdieh wandelt mit ihrer Märchenadaption auf äußerst schmalem Grat.

Ungewöhnliche Kulisse & poetische Sprache

Aber tatsächlich gelingt es ihr, ihr Publikum zu fesseln, es tief in ihre Orient-Fantasy mit hinein zu ziehen. Das liegt weniger an der durchaus spannenden Handlung oder einem äußerst magischen Universum. Die Magie spielt in den ersten beiden Dritteln des Romans ohnehin keine Rolle. Es sind die atmosphärisch beschriebene Welt und die lebendigen Figuren, mit denen diese bevölkert ist. Das orientalische Setting wirkt durch die zahlreichen Details und die poetische Sprache der Autorin:

Mit abgeklärter Ruppigkeit zogen die Hände Elfenbeinkämme durch Sharzads hüftlanges Haar und massierten ihr Sandelholzpaste auf die bronzefarbenen Arme, heißt es im ersten Kapitel.

Der Palast des Kalifen, die Zelte der Wüstenstämme, die prunkvollen Festgelage und die farbenprächtigen Seidengewänder der Figuren werden plastisch beschrieben und beschwören eine Welt, die sich wohltuend vom europäischen Pseudomittelalter abhebt, das sonst als Standardkulisse in der High Fantasy herhalten muss.

Weitere farbenprächtiges Orientmärchen

Flammenwueste
Hörbuchfans, die Gefallen an einem solchen Setting gefunden haben, können z. B. auch auf Dschinnland und die beiden anderen Teile der Sturmkönige-Trilogie von Publikumsliebling Kai Meyer zurückgreifen oder auf den ebenfalls märchenhaften, allerdings weniger romantischen und dafür abenteuerlicheren Roman Flammenwüste von Akram El-Bahay. Dieses Buch wurde im vergangenen Jahr mit dem Seraph als bestes Fantasydebüt geehrt.

Zweiteiler

Zudem dürfen sich begeisterte Hörer bereits auf die Fortsetzung von Shazis und Chalids Geschichte freuen. Zorn und Morgenröte endet mit einem Cliffhanger, die Autorin hat aber versprochen, ihre Fairy Tale-Fantasy im zweiten Teil zu beenden. The Rose and the Dagger ist im englischsprachigen Original bereits für Mai 2016 angekündigt.

Ich für meinen Teil freue mich bereits auf die Wiederbegegnung mit liebgewonnenen Charakteren wie Shazi, willensstark und mutig, und ihre Dienerin Despina, die man trotz – oder vielleicht vor allem wegen – ihres frechen Mundwerks sofort ins Herz schließt.

Laura Maire: Die zweite Scheherazade

Viel von seinem Zauber hat das Hörbuch übrigens auch der phantastischen Lesung von Laura Maire zu verdanken. Die Schauspielerin und Synchronsprecherin (sie spricht z. B. in der HBO-Serie Game of Thrones die Ygritte) wurde 2011 zu Recht mit dem Deutschen Hörbuchpreis als Beste Interpretin ausgezeichnet. Ihre sanfte Stimme wirkt mal sanft, mal willensstark und hart und so webt Maire wie Shazi ein traumhaftes Netz.

Mit Zorn und Morgenröte werden Renée Ahdieh und Laura Maire selbst zu Sheherazades. Sie spinnen ihr Publikum ein in einer farbenprächtigen Märchenadaption, in der die Antwort auf Dunkelheit und Tod Hoffnung und Liebe ist.

Hier geht's zum Hörbuch "Zorn und Morgenröte".

Ihr seid begeistert von Fairy-Tale-Fantasy und wollt mehr?

Dann haben wir noch ganz viele märchenhafte Hörbuch-Tipps für euch!