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Zu Besuch im Tonstudio Teil II – Synchronisation mit Julia Stoepel

20.06.2013

[caption id=“attachment_25173” align=“aligncenter” width=“600”]Schauspielerin und Synchronsprecherin Julia Stoepel ©Julia Stoepel Schauspielerin und Synchronsprecherin Julia Stoepel ©Julia Stoepel[/caption]

 

Seit den 30er Jahren werden in Deutschland fremdsprachige Filme synchronisiert. In unseren Kinos laufen Hollywood-Streifen, im Fernsehen US-Serien mit deutscher Tonspur. Was für eine Arbeit dahinter steckt, zeigt der Blick hinter die Kinoleinwand. Die Reihe „Zu Besuch im Tonstudio“ begleitet SprecherInnen bei der Arbeit. Heute: Synchronisation mit Julia Stoepel.

Julia Stoepel steht mit einem Mundschutz im Tonstudio. Vor ihr liegt kein Patient, sondern ein Drehbuch. „Schön weiteroperieren!“, ruft Regisseurin Marion Schöneck. Auf einer großen, schwarzen Leinwand sind Zahlen zu sehen: 1, 2, 3 – Julias Einsatz. „Ich brauche einen weiteren Chirurgen“, sagt sie. „Ich habe Dr. Bailey schon angepiept.“

Seit drei Jahren spielt Julia die deutsche Synchronstimme von April Kepner, einer Figur aus der amerikanischen Serie Grey’s Anatomy, die seit mittlerweile sieben Jahren erfolgreich im deutschen Fernsehen läuft. Synchronisiert wird die Serie in Berlin, Neukölln.

„April war erst eine kleine Nebenrolle“, erzählt Julia. „Dann wurde sie größer und meine Rolle mit ihr.“ Nach ihrer Schauspielausbildung war Julia eigentlich nur zum Zusehen bei einer Synchronisation im Tonstudio dabei. „Dann brauchten die noch Hintergrundgemurmel, so dieses Stimmengewirr im Café.“ Da ist Julia spontan eingesprungen und so fing es an. Seit etwa sieben Jahren steht sie nun schon hinter dem Mikrofon. „Ich mache in erster Linie Synchronisationen, Hörspiele und Hörbücher, manchmal Voice Over oder Werbung. Für meine Zeichentrickserien darf ich auch das ein oder andere Liedchen trällern. Ab und an kommt mal ein Live-Hörspiel oder eine Lesung dazu. Das liebe ich sehr. Generell kann man aber sagen: Alles was mit Geschichtenerzählen, Stimme und Sprache zu tun hat - her damit!“

„Synchronisation ist Täuschung“

erklärt Regisseurin Marion Schöneck. „Hundertprozentig genau kann man es bei einem fremdsprachigen Original nicht hinbekommen, aber wenn die schauspielerische Leistung stimmt, funktioniert die Illusion.“ Die amerikanische Schauspielerin Sara Drew hantiert am Filmset wirklich mit Messer und Skalpell, wenn sie als April Kepner im OP steht. „Da kommt dieses Geschäftige und das Gestresste automatisch mit in die Stimme“, so Marion. „Julia muss sich so anhören, als würde sie auch gerade im OP arbeiten und nicht im Tonstudio. Es ist ganz schwierig, das allein mit der Stimme nach zu spielen.“ Erst seit kurzem wird diese spezielle Ausdrucksform auch an Schauspielschulen unterrichtet.

„Wenn ich einer guten Schauspielerin die Stimme leihe, fällt mir das überhaupt nicht schwer“, sagt Julia. „Sarah Drew, die die April spielt, ist einfach großartig und ich erfreue mich immer sehr an ihrem Spiel. Da kann man sich einfach fallen lassen. Das ist herrlich! Und zum Glück gibt es ja auch immer eine Regie, die dich leitet und führt, wenn du irgendwie auf der falschen Fährte bist.“ Bestimmt hilft Julia in diesem Fall auch der Mundschutz dabei, sich in die Rolle einzufühlen. Den muss sie immer tragen, wenn Sara alias April es auch tut. So ist der Ton authentisch.

Drei Daumen oben

Für die Tonqualität ist ein Tontechniker zuständig. Der sitzt wie die Regisseurin hinter dem Mischpult. Im Aufnahmeraum bei Julia befindet sich außerdem eine Cutterin. Sie guckt besonders auf die Synchronizität. Nach jedem Take müssen alle drei ihren Daumen oben haben, sonst wird wiederholt.

Sauer, gestresst und verliebt

Julia_Stoepel_Studio2Bevor sie selbst spricht, hört Julia sich die zu synchronisierende Stelle im englischen Original an. Ihr wird erzählt, was mit April in der Folge passiert. Julia ist ein großer Serienfan und fiebert mit ihrer Rolle mit. Dann ist ihr Einsatz gefragt. In Sekundenschnelle schafft Julia es verschiedene Emotionen in ihre Stimme zu legen, von sauer über gestresst bis verliebt. „April spricht immer so ein bisschen aufgeregt“, erzählt Julia. „Das war anfangs ganz schön anstrengend.“

Jedes Luftholen, jeder Seufzer, jedes Lachen, alles wird synchronisiert und muss an der richtigen Stelle sitzen. Ein Problem dabei ist oft, dass ein deutscher Satz viel länger ist, als ein englischer. Dann muss Julia schnell sprechen oder es wird gekürzt. „Manchmal haben wir für einen englischen Satz auch zwei deutsche Versionen“, erzählt Marion. „Die erste ist meist näher am Original, die zweite passt von den Lippenbewegungen besser.“

Apropos Lippenbewegung: Man sollte meinen, dass es einfach ist, wenn die zu synchronisierende Figur aus dem Off spricht, das Gegenteil ist jedoch der Fall: „Synchronsprecher fallen meistens dann aus der Rolle, wenn sie ihre Figur nicht sehen,“ erklärt Marion. „Das war jetzt nicht April“, sagt sie dann und Julia spricht den Text ein weiteres Mal.

Hello Kitty, Ducky und Fluffershy

Neben der Rolle in „Grey’s Anatomy“ spricht Julia viel Zeichentrick. „Meine Stimme klingt recht jung und beim Zeichentrick kann man sich richtig austoben. Wir nennen das chargieren oder mit Charge sprechen“, erklärt sie. Julia ist zum Beispiel die deutsche Synchronstimme von Hello Kitty. „ Andere Rollen sind Angelina Ballerina in der Serie, “Sally Bollywood” oder Ducky aus “In einem Land vor unserer Zeit”. Und sehr bekannt und beliebt ist auch Fluttershy aus “Mein kleines Pony”. Das tolle an vielen dieser Rollen ist, dass die Figuren dort auch singen und das macht mir riesigen Spaß. Meine momentane Lieblingsrolle ist Sonny in “Henry Hugglemonster”. Ich glaube die Serie wird auf Deutsch “Henry Knuddelmonster” heißen. Da spreche und singe ich die Schwester von Herny, die eine sehr freche, charmante, kleine Diva ist.“ Eine weitere Rolle, die Julia sehr viel Spaß gemacht hat, ist Aggie aus der 3-D Stopp-Motion animierten Horrorkomödie “Paranorman”. „Der Film ist sowieso so toll“, schwärmt sie. „Ich habe wirklich einen der tollsten Berufe, die Deutschland zu bieten hat.“